BIOGRAPHIE ROBERT DORNHELM
Robert Dornhelm wurde 1947 in Temeschwar (Rumänien) geboren, emigrierte 1961 mit seiner Familie nach Österreich und lebt heute in Los Angeles (USA). 1965 bis 1967 studierte er Film an der Wiener Filmakademie. Danach arbeitete er von 1967 bis 1975 als Dokumentarfilmregisseur für den Österreichischen Rundfunk (ORF).
Nach mehreren Projekten stellte Robert Dornhelm im Jahr 1977 seinen Debütfilm „The Children of Theatre Street“ fertig. Die Dokumentation über die Mariinsky Ballettschule (heute Kirov Ballettschule) in Sankt Petersburg mit Grace Kelly wurde für den Oscar nominiert. Nach diesem Erfolg verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Los Angeles. Es folgten Filme wie „She Dances Alone“ (1981) — eine Geschichte über Kyra Nijinsky, die Tochter des großen russischen Tänzers Vaslav Nijinsky — und „Digital Dreams“ über Bill Wyman, den langjährigen Bassisten und Gründungsmitglied der Rolling Stones. Es folgten Produktionen wie „Echo Park“ (1986), „Requiem für Dominik“ (1990), „Der Unfisch“ (1997) und „The Venice Project“ (1999). Danach widmete sich Robert Dornhelm vorwiegend Historienverfilmungen wie „Sünden der Väter“ (2002), „Anne Frank“ (2001), „RFK“ (2002), „Rudy: The Rudy Giuliani Story“ (2003), „Spartacus“ (2004), „Into the West“ (2005) und „Die zehn Gebote“ (2006). Jüngste Produktionen sind „Kronprinz Rudolf“ (2006), „Krieg und Frieden“ (2007), die Unitel-Dokumentation „Karajan — oder Die Schönheit wie ich sie sehe“ (2008), die im April anlässlich Karajans 100. Geburtstag im ZDF ausgestrahlt wurde sowie „La Boheme“ (2008) mit Anna Netrebko und Rolando Villazón.
Seine bislang letzte Produktion ist eine Koproduktion der DOR Film mit ORF/SWR – „Die Schatten die dich holen!“
ROBERT DORNHELM im Gespräch mit Peter Krobath
„Abgehoben war er immer. Das war sein Spiel.”
Robert Dornhelm erzählt Peter Krobath, was ihn an Udo Proksch fasziniert hat, was ihm gar nicht gut gefällt und wieso OUT OF CONTROL kein Film über den Fall Lucona ist.
Peter Krobath: Udo Proksch, der von 1934 bis 2001 lebte, war eine ebenso schillernde wie zwielichtige Figur der Wiener Gesellschaft. Wie sind Sie auf ihn gekommen?
Robert Dornhelm: Ich habe Udo Proksch in den späten siebziger Jahren gefragt, ob er mir seine Lebensrechte geben würde. Schon damals fand ich, dass sein buntes Leben die perfekte Filmvorlage ist. Udo Proksch hat sich dazu bereit erklärt, allerdings nur wenn ein Vorarlberger Freund, der unbedingt Filmmusiker werden wollte, am Projekt mitarbeitet. So lernte ich Harald Kloser kennen. Gemeinsam haben wir ein Drehbuch geschrieben, das hieß in der ersten Fassung BLUE DANUBE COWBOY.
Damals wollten wir die Fiktion mit der Realität verbinden, bei uns stand Udo Proksch im Zentrum eines Waffen-Deals. Als er das las, hat er die Pistole gezückt und gesagt: „Bist deppert, Dornhelm-Bua? Spiel die net so.“ Ich meine, die Pistole hat er bei vielen gezückt, das war meistens mit einem Schmunzeln verbunden. Aber Pistole ist Pistole, geladen war sie außerdem auch immer, und geschossen hat er damit auch, wenn auch meistens nur in die Wände.
Das war alles nach der Lucona-Affäre?
Natürlich. Aber Udo Proksch befand sich damals noch auf freiem Fuß, er war noch nicht einmal in Untersuchungshaft. Jedenfalls: „Wer soll mich überhaupt spielen?”, hat er dann gefragt. „Mich, so einen Trottel und Verbrecher?” Mein Ende war nämlich, dass er vor dem Demel erschossen wird – was ihm, wie mir später erzählt wurde, am meisten missfallen hat. Ich habe gesagt: „Dich kann nur einer spielen, nämlich der Jack Nicholson.” „Was wirklich? Den kriegst du?“ Plötzlich war er wieder dabei. „Carte Blanche! Du kannst erfinden, was du willst. Wenn mich der Jack Nicholson spielt, dann bin ich zu allem zu haben.”
Nun ist das Projekt aber doch ganz anders geworden ...
Mit Jack Nicholson war abgesprochen, dass es in OUT OF CONTROL eine fiktive Klammer geben soll, am Anfang und am Ende des Films, in der er den Udo Proksch spielt. Das war eigentlich fix, dass er das macht. Aber schlussendlich kam uns ein Spiel der Los Angeles Lakers dazwischen, das Jack unbedingt sehen wollte. Mittlerweile bin ich froh darüber. Irgendwie erschien mir diese Klammer dann doch zu unwichtig. Trotzdem beschreibt diese Geschichte den Charakter des Udo Proksch sehr gut. Er war so lange dagegen, bis er hörte, dass er von Jack Nicholson gespielt werden soll. Dann wiederum war er für alles zu
haben. Weil wenn schon von einem Schauspieler gespielt werden, dann zumindest vom besten ...
So ist es. Sobald etwas größer ist als das Leben, ist er plötzlich auch tolerant. Das Banale und das Langweilige haben ihm missfallen. Aber dass eine schillernde Figur, wie er selber eine war, von einer anderen Figur dargestellt wird, die noch mehr schillert, das hat ihm geschmeichelt. Auf jeden Fall haben wir ihn dann nie wieder gesehen. Erst jetzt, 30 Jahre später, habe ich Peter Coeln kennen gelernt, der die Rechte auf das Archivmaterial von Udo Proksch eingekauft hat. Ob ich ihm nicht helfen könne? Ich war sowieso in Wien, um LA BOHEME zu machen, und dachte, na ja, so ein paar Wochenenden setze ich mich hin, nicht ahnend, was für eine Riesenarbeit das wird. Es ging bei diesem Film nicht um die Kunst des Machens, sondern um die Kunst des Weglassens. Wir haben bestimmt hundert Stunden Material gehabt.
Woraus bestand dieses Material?
Sehr viele Fotos, Unmengen von Interviews. Wenn du in Wien einmal mit Fragen zu Udo Proksch anfängst, gibt es kein Ende. Die Entscheidung war nicht, was man in den Film gibt, sondern was man weglässt. Ich wollte den Udo Proksch ja nicht nur benützen, sondern auch wirklich darstellen, so wie er war, als faszinierende Figur. Ich bin stolz auf seine grafischen Arbeiten, seine Skizzen, die ich animiert habe, hoffentlich in seinem Sinn. Die Filme, die er selbst gedreht hat, die aber nie geschnitten waren, habe ich geschnitten und vertont, mit dem Komponisten, den er ursprünglich dabei haben wollte. Das ist die erste Filmmusik von Harald Kloser, der mittlerweile zu den erfolgreichsten Filmkomponisten der Welt gehört und in Hollywood auch als Produzent und Autor tätig ist ... was er irgendwie auch Udo Proksch verdanken kann. Weil er ja über diese Verbindung zu mir und über mich nach Hollywood kam.
Auf mich wirkt Udo Proksch wie ein menschlicher Teilchenbeschleuniger, wie ein Katalysator der Gesellschaft.
Absolut. Es bestätigen eigentlich alle, dass er genau das war. Karl Schranz beschreibt das in
OUT OF CONTROL so: „Er war ein Robin Hood, der lieber was für andere tat, als für sich selbst.” Zwei Leute so zusammenzubringen, dass am Ende irgendwas dabei rauskommt, das hat ihm besonderen Spaß gemacht.
Und was hat er dabei für sich selbst herausgeholt?
Ein Gefühl von Macht. Udo Proksch wollte immer der Dirigent seiner Geschichten sein. Der Kommandant all dieser Verbindungen. Er wollte Dinge bewirken, ob das jetzt im geschäftlichen, im künstlerischen oder in anderen Bereichen war.
Allerdings hat er mit seiner Macht relativ wenig angestellt. Solche Personen könnten ja auch ganze Systeme stürzen. Ihm hat das Gefühl gereicht, dass ein Bundeskanzler, ein Finanzminister, ein Innenminister, ein Bürgermeister, ein Verteidigungsminister zur Verfügung stehen, dass er sie haben kann, wenn er sie braucht. Er wollte immer einer sein, der nimmt und verteilt. Aber er hat keinerlei politische Ambitionen gehabt. Wozu auch? „Geld spielt keine Rolle”, hat er einmal über sich gesagt. „Und Frauen hat man sowieso. Das ist selbstverständlich, da muss man nicht viel dazutun.” Zum Glück ist er nie einer religiösen Sekte beigetreten. Es ist gar nicht auszudenken, was Udo Proksch alles anstellen hätte können, wenn er so einen Apparat wie etwa Scientology hinter sich gehabt hätte.
Es fällt auf, dass sämtliche Personen im Film, im Grunde sogar der Staatsanwalt, der ihn partout im Gefängnis sehen wollte, sehr positiv über Udo Proksch reden.
Das ist so. Sogar der Mann, der ihn letztendlich zu Fall gebracht hat, der Journalist Hans Pretterebner, der das Buch DER FALL LUCONA geschrieben hat, welches zu einer Wiederaufnahme des Gerichtsverfahren geführt hat, war fasziniert von ihm. Sogar der wollte die Buchpräsentation im Demel machen und hatte Udo Proksch auch dazu eingeladen.
Wobei zu betonen ist, dass Sie keinen Film über den Fall Lucona gemacht haben.
Mit dem Fall Lucona haben sich die Gerichte über Jahre hinweg befasst, ohne wirklich gute Resultate zu produzieren, damit kann ich nicht konkurrieren. Schließlich bin ich kein Privatdetektiv, ich bin ein Filmemacher, ein Erzähler. Mir ging es um die Moral eines Mannes, der ein bisschen weiter gehen wollte, als die Gesellschaft das normalerweise akzeptiert, toleriert und unbestraft lässt.
Dafür sprechen Sie Elemente seines Lebens an, die in der Öffentlichkeit doch eher unbekannt sind. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Udo Proksch bei der Napola gewesen ist, der Kinder-Kaderschmiede der Nazis.
Ich fand das wichtig für seine Entwicklung, obwohl mir viele seiner jüdischen Freunde versicherten, dass sie niemals irgendwelche antisemitische Tendenzen oder Nazi-Gedankengut an ihm entdeckt haben. Ich glaube aber auch, dass trotzdem im Unterbewussten einiges hängen geblieben ist von der Machtverherrlichung. Als er nach seiner Flucht wieder zurück nach Österreich kam, hatte er nicht nur Pornohefte im Koffer, sondern auch Bilder von Adolf Hitler. Warum trägt ein erwachsener Mann Fotos vom Führer mit sich? Das sind schon auch Fragen, die man sich in diesem Zusammenhang stellen muss.
Könnte man nicht meinen, dass er in dieser Phase seines Lebens schon ziemlich abgehoben war?
Abgehoben war er immer. Das war sein Spiel.
Wenn man eine Figur wie Udo Proksch in ein Hollywood-Drehbuch hineinschreibt, sagt doch jeder:
Schlecht erfunden. So viele Facetten in einer Person, das gibt es nicht.
Stimmt. Er sah sich immer wie ein Zitat aus einem Film. Er hat sehr viele Orson-Welles-Sachen gekannt, nicht nur die Harry-Lime-Figur aus DER DRITTE MANN, sondern auch CITIZEN KANE. Er scheint eine Faszination für Charaktere gehabt zu haben, die größer waren als das Leben. Er ist selten ins Kino gegangen. Ins Theater fast nie. Das Theater hat er nie gemocht, obwohl er zweimal mit einer Schauspielerin verheiratet gewesen ist. Erika Pluhar hat erzählt, er war zwar stolz, dass er eine Burgschauspielerin als Frau hatte, aber das hieß noch lange nicht, dass er deswegen auch ins Burgtheater gegangen wäre, um zu schauen, wie sie spielt.
Nach schönen Frauen scheint Udo Proksch regelrecht süchtig gewesen zu sein?
Wie in allen Bereichen seines Lebens war er auch hier widersprüchlich und inkonsequent. Für viele Frauenorganisationen war er das sprichwörtliche rote Tuch, was ihn amüsiert hat. Es gab auch Fernsehsendungen, wo er nur als Provokateur eingeladen wurde. Die Rolle hat er meistens gut erfüllt. Ich persönlich kann nur mit seinem Militarismus und seiner Waffen-Obsession nicht wirklich was anfangen. Im Gegensatz zu Udo Proksch, der immer von sich sagte, dass er kein Pazifist ist,
bin ich nämlich einer.
Ist Udo Proksch eine österreichische Figur?
Durch und durch. Obwohl Udo Proksch in Deutschland geboren wurde, finde ich doch, dass er Wien perfekt verkörpert. Eigentlich mehr Wien als Österreich. Gleichzeitig ist er aber auch die Anti-Wien-Figur. Das ist nicht einer, der buckelt und diplomatisch um den heißen Brei herumredet, sondern er war sehr direkt. Udo Proksch konnte mit Wien spielen, weil er genau verstanden hat, wie diese Stadt funktioniert.
Udo Proksch ist vor knapp zehn Jahren gestorben. Warum hat es so lange gedauert,
bis endlich ein Film über ihn gemacht wird?
Als ich um eine Förderung ansuchte, habe ich einen sozialistischen Funktionär getroffen:
„Udo Proksch? Den habe ich gekannt. Toller Bursche, da gibt es viel zu erzählen. Aber Staatsgelder, dafür dass man einem verurteilten Mörder ein Denkmal setzt? Kommt überhaupt nicht in Frage. Das können wir uns nicht leisten.“ Da habe ich gesagt: „Moment einmal, es handelt sich hier um österreichische Kulturgeschichte. Um ein Sittenbild dieser Zeit, wo viele Künstler, viele talentierte Menschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Musik usw. vertreten waren. Das ist immerhin eine Sache, die man einer neuen Generation schon zeigen sollte. Ob das jetzt von Thomas Bernhard, Helmut Qualtinger bis Oscar Werner geht, die ihn geschätzt haben. Außerdem zeigt das Beispiel Udo Proksch, wie leicht Politik verführt werden kann. Um dieses Sittenbild darzustellen, dafür sind Steuergelder da, finde ich, wenn man irgendwie Kulturpolitik aktiv betreiben will.” Also ich bin froh, dass wir die Steuergelder für dieses vielleicht fragwürdige Projekt erhalten haben, und ich hoffe, dass der Film das dann auch rechtfertigt.
Der Vorwurf der Denkmalsetzung ist natürlich absurd. Erstens hat sich Udo Proksch seine Denkmäler schon selber gesetzt, zweitens kommen im Film auch genug negative Seiten zum Vorschein. Wie eben die Behauptung, dass er damals im Club 45 heimlich honorige Gäste in prekären Situationen fotografierte, um sie später bei Bedarf leichter erpressen zu können.
Das gehört für mich zu den unangenehmen Erkenntnissen. Ich wusste vor diesem Film nicht, dass er das getan hat. Er hat diese Fotos nie verwendet. Aber allein schon, dass er sie gemacht hat, zeigt eine dunkle Seite, die man schwer ignorieren kann. Wenn einer fähig ist, seine Freunde in Intimsphären zu fotografieren, um das möglicherweise mal gegen sie zu verwenden, dann kommt eine Farbe ins Spiel, die nicht so sympathisch ist. Aber mir ging es nicht um Sympathie. Ich wollte Udo Proksch präzise zeigen. Und liebevoll. Wenn ein Filmemacher mit seinen Figuren nicht präzise und liebevoll umgehen kann, dann ist sowieso was falsch. Das Publikum muss die Schlüsse ziehen. Nicht ich.
Es gibt Kollegen, die das nicht so sehen. Die wollen bestimmen, wie das Publikum reagiert. Das halte ich für manipulatives Kino. Mein Publikum soll selbst entscheiden dürfen, wer gut und wer böse ist.